Samt

Von Nicole Gutschalk, 20. Januar 2016
Kuscheln mit meiner Mutter im Samtschloss

Kuscheln mit Mama im Samtschloss

Da war dieses wahnsinnig coole Minikleid, welches ich anfangs der Neunzigerjahre in einem dieser Kiloshops in Berlin gekauft habe. Ich trug es zu Ringelstrumpfhosen und Doc Martens. Zudem besass ich einen taillierten Blazer des Zürcher Secondhandshops Barbar, der permanent nach Patchoulli roch. Beide Teile waren aus Samt und gehörten zu den Keypieces meines damaligen Kleiderschrankes. Ihr erinnert euch vielleicht, dass war die Zeit, in der Winona Rider im Film «Reality Bites» (mit dem stumpfsinnigen, deutschen Titel: «Voll das Leben») zur Ikone meiner Generation wurde. Genannt Generation X – das waren Jugendliche, denen man nachsagte, dass sie keinen Plan vom Leben hätten. Tsss! Samt war also zumindest fashionmässig periodenweise ein Thema für mich.

Wenn es ums Wohnen geht, so gehört Samt mitunter zu den Dingen, die ich bis vor kurzem unter «nein, danke» abgebucht habe. Beim darüber Nachdenken, weshalb das eigentlich so ist, wurde mir plötzlich klar, dass ich sozusagen die ersten Jahre meiner Kindheit in einem Samtschloss zugebracht habe: Da war das elterliche Kingsize-Bett mit bordeauxroter, abgesteppter Rückenwand, die caramelfarbene Sofalandschaft mit Kordeln dran und die gedrechselten Esstischstühle aus zweifarbigem Samt. Krass! Als wäre das nicht schon samtig genug, lief mein Dad zudem in einem plüschigen dunkelbraunen Onesie – er nannte es Homedress – durchs Haus. Ich habe also durchaus gute Gründe, warum ich bisher auf Samt im Wohnbereich verzichtet habe.

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Chillen mit Papa in der Samtburg

Als ich vor ein paar Monaten dann den druckfrischen Katalog von La Redoute Home in den Händen hielt, staunte ich nicht schlecht: Auf dem Cover sind gleich mehrere Sessel aus Samt abgebildet. War ja irgendwie klar, dass es die Textilie nach ihrem Fashion-Feldzug  auch in die Wohnwelt schaffen würde. Fazit zurzeit: Ich bin noch ambivalent. In modischer sowie wohnlicher Hinsicht. Aber zugegeben: Der steinfarbene Samtvorhang, der bei meiner Freundin Annet im Kinderzimmer hängt, sieht schampar gut aus – well done. Und ins Sofa „Dreamer“ des Australischen Herstellers Pop & Scott, das ich vergangene Woche auf Pinterest entdeckte,  habe ich mich auf der Stelle verliebt. Wer weiss, vielleicht hab ich ja doch das Samt-Gen meiner Eltern vererbt gekriegt.

1_www.popandscott.com

The Dreamer von Pop & Scott in Dunkelgrün

Sofa Dreamer von Scott&Pott Rückansicht

Rückenansicht von The Dreamer, Scott & Pott

Sessel Franck von La Redoute Home

Sessel Franck von La Redoute Home

Modisches in Samt von The New New, Zürich

Modisches in Samt von The New New, Zürich

Samt im Kinderzimmer meiner Freundin Annette

Samt im Kinderzimmer meiner Freundin Annet

Marriott‘s in Amstedam im neuen Kleid - design by Piet Boon Team

Marriott‘s in Amsterdam im neuen Kleid – design by Piet Boon Team

Good to know: Samt unterscheidet sich von Velours und Plüsch in der Länge des Flors. Beim Samt ist er am kürzesten (maximal zwei bis drei Millimeter lang), daher fühlt sich Samt sanft, doch von diesen dreien relativ am härtesten an. Durch den Flor bedingt hat Samt eine Strichrichtung, die bewirkt, dass der Stoff mit dem Strich oder gegen den Strich unterschiedlich aussieht und sich anfühlt.

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